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Archive for März 2017

Wenn man andere von etwas überzeugen will

oder

Wie Kritik in eine Art Hexenjagd münden kann …

Eigene Wertschätzung

Die Werte und Vorzüge eines freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaats jemandem näherzubringen gelingt wahrscheinlich am ehesten, indem man diese Werte vorlebt, sie erklärt und erläutert.

Diese Werte braucht man dabei weder infrage zu stellen noch herunterzuspielen oder gar zur Disposition zu stellen oder zu verleugnen, sondern man kann zu ihnen stehen und sie ggf. auch gegen Angriffe oder Unterminierungsversuche aus Überzeugung und mit Sachargumenten verteidigen.

Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen oder Menschen mit einer anderen als der eigenen Meinung oder Weltanschauung pauschal mit Vorurteilen zu überziehen, gegen sie zu hetzen, sie zu beschimpfen und zu beleidigen, dabei vielleicht sogar die Unschuldsvermutung außer acht zu lassen oder zu negieren, dürfte hingegen kaum eine geeignete und überzeugende Methode sein.
Denn von was will man andere damit überzeugen?

Wer z.B. meint, vom Fehlverhalten einzelner Menschen einer bestimmten Gruppe oder Herkunft auf alle Menschen der gleichen Gruppe oder Herkunft schließen zu können und ihnen ebenfalls Fehlverhalten unterstellen zu müssen, der lässt die Unschuldsvermutung außer acht.

Das Gerücht

Unschuldsvermutung und Gerücht: „Sie haben erzählt, dass …“

Mit Sätzen wie

Eine Duisburger Rede, 3. August 2015

[…] abends um 20 Uhr ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt wurde. Und nachdem wir ja täglich von solchen Meldungen schockiert werden, kann man sich fast vorstellen, wer der Täter war. Es wurde, vor wenigen Tagen wurde jetzt einer aus einem Asylantenheim verhaftet […], und das ist das, was wir täglich in Deutschland erleben.

werden Menschen gewissermaßen in Sippenhaftung genommen und für Taten verantwortlich gemacht, die sie nicht begangen haben. Derlei gab es in Deutschland zuletzt während der Herrschaft der Nationalsozialisten von 1933 bis 1945, und danach teils noch in der DDR bis 1989.

Jemanden für etwas verantwortlich zu machen das er nicht getan hat, ist Ungerechtigkeit, erzeugt Wut und womöglich Hass, der sich später vielleicht ein Ventil sucht oder Trotzreaktionen provoziert.
Einen Vorteil hat davon niemand.

Gleiches Recht

In einem demokratischen Rechtsstaat gilt gleiches Recht für alle — auch für Minderheiten –, ungeachtet, was jemand glaubt oder nicht glaubt. In Deutschland ist dies z.B. aufgrund der Verfassung, u.a. des GG Art. 140 geregelt.
Wäre es anders, würden Menschen womöglich um die Wette glauben, um mehr Sonderrechte für sich einzuheimsen als der Nachbar.

Es braucht für einen demokratischen Rechtsstaat, der zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet ist, unseres Erachtens keinen Grund zu geben, seine Gesetze und seine Grundrechtsgarantien an Glaubensinhalte von Religionen oder sonstigen Weltanschauungen anzupassen. Im Gegenteil sind die Menschen in diesem Land gehalten, sich in ihrem Verhalten an der Verfassung und an den anderen geltenden Gesetzen zu orientieren.

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Wahlergebnisse

Nach Wahlen zu Parlamenten ergehen sich Vertreter mancher Parteien regelmäßig in Erklärungsversuchen des Ergebnisses für ihre Partei, die sich bisweilen anhören wie die Erklärungen nach einem verlorenen Fußballspiel.

Manchen Parteien wurde z.B. ein zweistelliges Ergebnis prognostiziert (oder sie haben es sich selbst sehnlichst herbeigewünscht), das dann aber doch nicht erreicht wurde.

Das Nichterreichen oder gar das Scheitern öffentlich einzugestehen fällt manch einem in so einer Situation erkennbar schwer.

Wir erlauben uns ausnahmsweise ein klein wenig Sarkasmus, um die Ergebnisse auch in solchen Fällen als Wunscherfüllung erscheinen zu lassen:

Laut dem Balkendiagramm oben haben alle Parteien ein zweistelliges Ergebnis erzielt.

Manche Parteien haben zwei Stellen vor dem Komma erreicht.

Andere haben in den Prozentzahlen eine Stelle vor und eine Stelle nach dem Komma, was dann im Ergebnis — zur Zufriedenheit der eigenen Wähler und um nicht als Verlierer dazustehen — ebenfalls als ein zweistelliges Ergebnis gedeutet werden könnte …

Den Anflug von Spott bitten wir zu entschuldigen, wir wollten uns diesen hier nicht verkneifen.

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P.S.:
Ähnlichkeiten mit der an diesem Tag stattgefundenen Landtagswahl im Saarland sind reiner Zufall.

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Im Amt eines Staatenlenkers kann man Erfarungen sammeln, die einem in anderen Lebensbereichen womöglich vorenthalten oder erspart bleiben.
Z.B. Erfahrungen im Umgang mit der eigenen Macht.

Am 22. Januar 2017, zwei Tage nach der Amtseinführung des 45sten Präsidenten der USA, hat sich jemand im Kommentarbereich einer Website dazu geäußert:

Möglicherweise hat Präsident Trump noch einen weiteren Gegner, der ihm bislang gar nicht geläufig war:
Die Gewaltenteilung.

Als Geschäftsmann war er in seinem Firmenimperium gewissermaßen Legislative und Exekutive in einem, und mit starken Einschränkungen vielleicht sogar ein wenig Judikative.

Als Präsident der USA ist er der Gewaltenteilung eines demokratischen Rechtsstaats unterworfen (m.W. mit nur wenigen gesetzlich geregelten Ausnahmen), was ihm einige ganz neue Erfahrungen im Umgang mit der eigenen Macht und mit den Grenzen der eigenen Macht näherbringen mag.

Angesichts der bisherigen Entwicklungen ergeben sich zusehends Zweifel an der politischen Kompetenz dieses Amtsinhabers sowie an seiner Fähigkeit, die Komplexität eines demokratisch-rechtsstaatlichen Staatenbundes und seiner Institutionen samt internationaler Verflechtungen und Verpflichtungen auch nur annähernd zu verstehen und zu überblicken, Interessen abzuwägen, und diesen Staatenbund zu führen und zu regieren.
Mit ein wenig Grimassenschneiden und Twittern scheint dies jedenfalls nicht recht zu gelingen.

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Siehe auch den Beitrag The Donald: „Liebe und Anerkennung“ und Verantwortung

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Pro-Europäisch

Bekenntnis


… denn Nationalismus und Chauvinismus sowie nationalistischer Isolationismus sind — trotz mancher Unstimmigkeiten oder Meinungsverschiedenheiten innerhalb Europas — in einer zunehmend vernetzten Welt keine Option für die Staaten, die Regionen und die Menschen.

Europa-Freunde formieren sich
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Der Zug des Halbmondes


Verschwörungstheorien keimen gern dort auf und gedeihen prächtig, wo Halbwahrheiten, Beschönigungen oder gar Unwahrheiten verbreitet werden. Dem kann man mit sachlicher Aufklärung entgegenwirken, wie es der Autor in diesem Buch tut. Das Buch sollte dennoch mit Bedacht gelesen werden, da es starke Emotionen auslösen und zu — der Unschuldsvermutung als einem fundamentalen Element eines demokratischen Rechtsstaats zuwiderlaufenden — Pauschalurteilen gegen andere Menschen verleiten kann (siehe auch die Rezension bei Die Kolumnisten).

Zur Vertiefung in die Materie empfehlen wir dringend den Brief an die Heuchler von CHARB.

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Leseprobe 1 aus „Der islamische Kreuzzug“:

… nie »Westliches« wahrgenommen

[…] Seitdem habe ich Khadidja (Red.: eine junge Frau aus dem Maghreb) nicht mehr gesehen. Das war vor zwanzig Jahren. Ich weiß von Abdallah, dass sie sich Jahre später von einem Mann scheiden ließ, den sie schließlich auf Drängen des Bruders zu ehelichen eingewilligt hatte, der ihr aber zu grob, zu dumm, zu sehr Säufer und zu gewalttätig war. Zweimal hatte das Mädchen aus dem Bergweiler schon »Nein« gesagt, ehe eineinhalb Jahrzehnte später »Die Marokkaner(innen), die nein sagen«, dieses Recht öffentlich einfordern sollten (siehe Kapitel 9, Seite 197). Khadidja hatte »Nein« gesagt, obwohl sie, anders als die späteren Neinsager(innen), als Analphabetin in der Abgeschiedenheit zwischen Fluss und Haus am Hang nie »Westliches« wahrgenommen, von keinem Fernsehen »westlich beeinflusst« worden war. Keine der Wäscherinnen am Fluss oder der Bäuerinnen auf den kleinen Feldern hatte ihr einen »unislamischen« Lebenswandel vorgelebt. So lernte ich durch Khadidja, dass »Westen« auch in jedem Lebewesen ist, so man ihn ihm nicht von Kindesbeinen an austreibt. Khadidja hatte nie eine Schule besuchen können und auch keine Moschee. Das war es vielleicht, was sie so »verrückt« hatte bleiben lassen. In dieser jungen Frau war etwas »Westliches«, das niemals mit dem »Westen« in Berührung gekommen war. Es widersprach den ldeologen, die den Unabhängigkeitswillen von Musliminnen stets auf den Einfluss des »dekadenten« Westens zurückführten. Khadidja lebt heute als Putzfrau in Marrakesch. „Bitte holen Sie mich nach Deutschland“, sagte sie mir vor einem Jahr, als es mir gelang, sie telefonisch zu erreichen. Unendlich triste erschien mir aufgrund dieser Erfahrung – der noch andere folgen sollten – die deutsche Linke, die von diesem Selbstsein-Wollen im Denken und Fühlen muslimischer Menschen nichts begriff, indem sie einen lslam des verordneten Muslimseins unterstützte, wie ihn die Verbände repräsentierten und die lmame predigten. Eine ldentität ist erst eine eigene, wenn sie sich frei herausbilden konnte und einem nicht von Kindesbeinen an als Zwangsjacke aufgedrückt wird. Die Linke aber unterstützt »kultursensibel« jenen lslam, der alle Khadidjas von Afghanistan bis Marokko zerstört.

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Leseprobe 2 aus „Der islamische Kreuzzug“:

„Bled Schizo“ — Leben zwischen religiöen Vorschriften und der Wirklichkeit von heute

[…] Als Youssef und ich im Auto saßen, zurück auf dem Weg nach Marrakesch, fragte ich ihn: »Kannst du dir erklären, warum die Kleine unbedingt das Stativ tragen wollte?« »Sie wollte damit über die Hängebrücke auf die große Straße«, antwortete er. »Sie durfte die Hängebrücke noch nie überqueren. Sie dachte, mit dem Stativ und in unserer Begleitung würde sie es schaffen. Abdallah hat mir das gesagt. Er will nicht, dass sie auf die Touristenstraße kommt. Wegen der Männer, die sich dort herumtreiben und keinen Respekt vor Frauen haben. Du musst wissen, dass bei uns im lslam die Jungfräulichkeit eine große Rolle spielt. Abdallah geht es um die Ehre Khadidjas.« »Das heißt?«, fragte ich. »Das heißt, das heißt«, erwiderte Youssef etwas unwirsch, »das heißt, dass eine nicht mehr intakte Frau wie eine aufgerissene Coladose ist. Da war schon jeniand dran. Die will keiner mehr.« »Die. Männer könnten sich entsprechend benehmen«, erwiderte ich, »und die Frauen in Ruhe lassen.« »Stimmt«, sagte Youssef, »da gebe ich dir recht. Aber bei uns gilt eine junge Frau, die allein durch die Gegend läuft, als sittenlos, besonders in einer Gegend wie hier. Sie verstößt gegen die Religion. Deshalb sehen die Typen sie als Beute, die selbst dran schuld ist, wenn ihr was passiert. Alle wollen nur Jungfrauen zum Heiraten, aber bis es so weit ist, entjungfern sie, wo sie können. So ist das nun einmal im bled schizo.« Bled hieß Heimat, und mit schizophren war das Leben zwischen jahrhundertealten religiösen Vorschriften einerseits und der Wirklichkeit von heute andererseits gemeint. »Bled schizo« war ein beliebter Ausdruck in Marokko und Algerien, weil er das Schlingern zwischen »halal«, erlaubt, und »haram«, verboten, auf den Punkt brachte. Insbesondere auf sexuellem Gebiet erlaubten junge Männer sich das Verbotene und gaben den Frauen die Schuld, es ihnen erlaubt zu haben. Abdallah wollte nicht, dass Khadidja ein »Schizo«-Opfer würde. »Warum überquert Khadidja die Hängebrücke nicht einfach, wenn Abdallah bei der Arbeit ist?«, fragte ich. »Weil sie sich das nicht traut. Da bekäme sie eine gewaltige Abreibung von ihrem Bruder, denke ich, und würde noch mehr oben am Hang im Weiler eingesperrt, damit sie möglichst nicht in die Nähe der Hängebrücke unten käme. Abdallah hat allen Leuten im Weiler gesagt, dass sie ein Auge auf Khadidja haben sollen, und das weiß sie.

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Darf man den Islam kritisieren? Man darf nicht nur, man muss, lautet die Antwort Samuel Schirmbecks in seinem lesenswerten Buch. Einzig der Titel ist aus Sicht des Historikers unglücklich gewählt. Mit Bezeichnungen historischer Phänomene („Kreuzzug“) sollte man umsichtig umgehen und sie nicht der dramatischen Werbewirkung wegen auf Gegenstände übertragen, die einer eigenständigen Bezeichnung bedürfen.

Doch zum Inhalt:

Der Islam hat ein Monster hervorgebracht

Der Islam habe, so der im Buch zitierte französische Philosoph Abdennour Bidar, in seiner Mitte ein Monster hervorgebracht und ohne aufgeklärte Islamkritik wird er weitere produzieren.

Der Autor kennt den Norden Afrikas gut. Er lebte und arbeitete 10 Jahre in Algier, baute dort 1991 das ARD-Fernsehstudio auf, war der erste westliche Dauer-Fernsehkorrespondent in Algerien und berichtete aus dem gesamten Maghreb. Er erlebte hautnah den Ausbruch des Bürgerkrieges, dem geschätzte 150.000 Menschen zum Opfer fielen, die Jahre des Terrors, in denen Frauen mit Säure verätzt wurden, weil ihre Kleidung nach Ansicht islamischer Sittenwächter zu viel Haut unbedeckt ließ, oder die auf offener Straße erschossen wurden, weil sie kein Kopftuch trugen. Er erlebte die mörderische Jagd auf Intellektuelle, auf Journalistinnen und Journalisten. Er beobachtete die schleichende Islamisierung der arabischen Gesellschaften, die Ausbreitung eines religiösen Obskurantismus, der alle unter Druck setzte, die ein Leben jenseits religiöser Regeln wollten, der angetreten ist, die Gesellschaften im Namen des Islam zu homogenisieren und heute große Teile derselben durchdringt. Sein metaphorisches Resümee: Der Islam sollte endlich seinen Gott unter Kontrolle bringen.

Kritik an Linken und Grünen

Schirmbeck, der sich selbst als links begreift, hadert mit dem linken und grünen Milieu Westeuropas, das Bündnisse mit Islamisten eingeht und jenen in den Rücken fällt, die in der islamischen Welt für Freiheit und Demokratie eintreten. Ein Milieu, das er nicht mehr für fähig hält, Abwertungsideologien und reaktionäre Gesellschaftsvorstellungen zu erkennen, wenn sie nicht dem europäischen rechten Muster entsprechen.

„Ausländer raus!“, schreibt Schirmbeck, sei die Forderung der fundamentalistischen Kreise Algeriens:

Juden, Christen, Ungläubige, Nichtmuslime, Fremde, Ausländer raus! Andernfalls seien sie ‚selbst verantwortlich für ihren plötzlichen Tod‘! Ohne dass es von offizieller muslimischer Seite, von den Imamen, den Ulemas des friedlichen Staatsislam irgendeine Solidaritätsbekundung für uns Fremde, für uns Nichtmuslime gegeben hätte.

Küssen auf der Straße, „unislamische“ Kleidung, Essen während des Ramadan, Homosexualität, Atheismus – wer nicht in das Korsett rigider Islam- und Moralvorstellungen passt, muss in fast allen Ländern der islamischen Welt mit Verfolgung rechnen, nicht nur durch gewalttätige Islamisten, sondern auch durch die Staatsmacht und leider viel zu große Teile der Gesellschaft, durch Nachbarn, Kollegen, Menschen auf der Straße. Daher spricht Schirmbeck von Islam, nicht von Islamismus, sei es doch der „Alltags-Islam“, der die Menschen in den islamisch geprägten Ländern gängelt, terrorisiert und ihren Alltag zu bestimmen sucht. Noch in den 1990er Jahren traf der Autor in allen Ländern des Maghreb Mädchen und Frauen in sommerlicher Kleidung und ohne Kopftuch, nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Sie sind verschwunden. In Schulen, in denen noch Ende der 1980er Jahre kaum eine Lehrerin Kopftuch trug, tragen es heute fast alle. Dieser rasante kulturelle Wandel ist das Ergebnis eines zunehmend konservativer werdenden Klimas, das mit beständiger Propaganda gegen moderne Frauen einhergeht, mit einer stetigen Zunahme von Beleidigungen und alltäglichen Sticheleien etwa über kurzärmelige Blusen, über geschminkte Lippen, über Röcke, die nicht über die Knöchel reichen, über offenes Haar.

Kopftuch – Symbol des Psychoterrors

In Marokko und in Algerien ist das Kopftuch inzwischen zum Symbol des Psychoterrors geworden, den der ‚friedliche tolerante‘ Islam allerorten verbreitet, so ihm politisch nicht Einhalt geboten wird. Kopftuch und Verschleierung entspringen dem Wunsch, den öffentlichen Raum religiös zu besetzen.

Der Autor beschreibt hier eine Entwicklung, die längst auch in Europa angekommen ist und den konservativen Islam mit seinem Streben nach kultureller Hegemonie zu einem Faktor der politischen Auseinandersetzung gemacht hat. Haram und Halal sind Schlüsselbegriffe eines Islamverständnisses, das die Menschen in „Gottgefällige“ und „Verdammte“ teilt. Die Folgen zeigen sich unter anderem an Schulen. Mädchen werden unter Druck gesetzt und gemobbt, wenn sie kein Kopftuch tragen oder am gemischtgeschlechtlichen Schwimmunterricht teilnehmen. Schüler und Schülerinnen melden sich vor Klassenfahrten krank, fordern Gebetsmöglichkeiten in der Schule und verweigern die Mitarbeit bei Lehrinhalten, die ihnen „unislamisch“ oder „haram“ erscheinen. Schirmbeck spart nicht mit Kritik an denen, die er für diese Entwicklung mitverantwortlich macht: „Man stelle sich vor, es wären Rechtsradikale, die einen derartigen Druck im Namen ihrer Überzeugungen auf Schüler ausübten, die Linke sehe den Faschismus auf dem Vormarsch“ und würde wohl zu Recht zu Protestdemonstrationen aufrufen.

Islamische Pathologien

Im Falle des Islam, so der Autor, sei alles anders. Jede noch so obskure Forderung oder Befindlichkeit stößt auf Verständnis und oft genug auf vorauseilenden Gehorsam. Aktbilder werden abgehängt oder verhüllt, Werke aus Ausstellungen verbannt, weil sie Muslime beleidigen oder verletzen könnten. Seit zwanzig Jahren lasse der linke und linksliberale Mainstream den Islam ungeschoren seine Pathologien entwickeln.

Oft sind es alltägliche Begebenheiten, an denen Schirmbeck verdeutlicht, warum europäische Gesellschaften den Forderungen islamischer Tugendwächter nicht nachkommen dürfen: Als die Kunststudentin Nadia S. 1993 in Algier Bilder nackter Frauen zeigte, wurde sie mit dem Tod bedroht und floh schließlich nach Frankreich. Der Direktor der Kunsthochschule, in der die Ausstellung stattfand, der „Ecole des Beaux Arts“, wurde gemeinsam mit seinem Sohn beim Betreten der Schule erschossen. Angesichts derartiger Vorfälle, verbiete es sich in Deutschland, so Schirmbeck, Aktbilder abzuhängen, aus Angst, sie könnten Muslime beleidigen. Das Recht auf Freiheit der Kunst und auf freie Meinungsäußerung müsse in Europa umso konsequenter verteidigt werden.

Statt dem Kulturkampf, den konservative Muslime und ihre Organisationen allen anderen aufzwingen, mit Verständnis – oft Kultursensibilität genannt – zu begegnen, sollten sich Linke, Grüne und Liberale auf die Seite der „Freiheitssucher“ der islamischen Welt stellen, auf die Seite von Kamel Daoud, Amina Tyler, Mona Eltahawy, Tahar Ben Jelloun, Boualem Sansal, Fatima Mernissi, Abdelwahab Meddeb, Abdellah Taia und vieler anderer, auf die Seite von Initiativen wie „Diese Marokkaner(innen), die Nein sagen“, ein 2012 gestarteter Aufruf oder besser Aufschrei gegen den ganz normalen marokkanischen Staatsislam. Unter voller Namensnennung veröffentlichen Marokkanerinnen und Marokkaner ihren Protest gegen die religiöse Bevormundung ihres Lebens in der Zeitung „Tel Quel“. Sie bekennen sich offen dazu, Alkohol zu trinken (was Muslimen in Marokko verboten ist), während des Ramadan nicht zu fasten, Sex zu haben, ohne verheiratet zu sein, Atheist oder homosexuell zu sein und vieles mehr.

Auf welcher Seite steht Ihr?

„Wann begreifen Linke“, fragt der Autor, „dass Kritik am Islam Schutz für Muslime bedeutet, nicht Angriff auf sie?“ Das Verständnis für jede im Namen der Religionsfreiheit vorgetragene Forderung, falle den in der islamischen Welt mittlerweile ohnehin marginalisierten liberalen Kräften in den Rücken und behindere auch in Europa eine kritische Diskussion über Glaubensinhalte, obwohl eine solche ohnehin nur hier offen geführt werden könne. Das habe zur Folge, dass die Debatte den Rechten überlassen werde.

Schirmbeck kritisiert Linke, Grüne, aber auch Politiker/innen anderer Parteien dafür, mit den Funktionären und Funktionärinnen der Islamverbände zusammenzuarbeiten, die den Islamisten Algeriens ideologisch näher stünden, als vielen Musliminnen und Muslimen, die er in Algerien oder Marokko kennengelernt hat. Er kritisiert diejenigen linken und feministischen Kreise, die neuerdings lieber identitäre Hijab-Lobbyistinnen unterstützen, als deren Kritikerinnen. Die feministische algerische Schriftstellerin Wassyla Tamzali fragt in ihrem offenen Brief an die ihr Selbstbewusstsein verlierenden Europäer bereits verzweifelt in Richtung Europa: „Muss ich von nun an verschleiert sein, um gesehen zu werden?“

Auf welcher Seite steht Ihr? – Das ist die Frage, die sich gleich einem roten Faden durch Schirmbecks Buch zieht. Auf der Seite der Freiheitssucher oder auf der Seite der reaktionären religiösen Kräfte, die allen anderen einen Kulturkampf aufzwingen? Für die meisten Linken, so konstatiert er, sind nicht jene das Problem, die die islamischen Gesellschaften religiös homogenisieren und Pluralität ablehnen, sondern jene, die sich im Namen der Freiheit dieser Homogenisierung entgegenstellen. Letztere werden als Störenfriede betrachtet, gerade so, als übten sie Verrat an der ihnen zugedachten Kultur.

Die nordafrikanischen Aufklärer, so der Autor, kennen ihren Gegner und es wird höchste Zeit, auch in Europa zur Kenntnis zu nehmen, dass die Gegner von Aufklärung und Freiheit nicht nur rechts stehen. Dazu leistet Samuel Schirmbecks Buch einen wesentlichen, im besten Sinne aufklärerischen Beitrag.

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Quelle: Die Kolumnisten

+ + +

Samuel Schirmbeck
Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen
— Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen
Orell Füssli, Zürich
ISBN 978-3-280-05636-3

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Welche Kultur ist schützenswert?

_____ Zu Punkt 1: Siehe auch den Beitrag Jubeltag

hataibu's world

Die sogenannte „westliche“ Kultur wird heutzutage gerne von verschiedenen Seiten angegriffen, lächerlich gemacht oder als irrelevant abgetan. Betrachten wir aber einmal genauer, von welchen Seiten diese Ablehnung kommt, stellen wir schnell fest, dass es immer Gruppen sind, für die Individualität, Freiheit (in Form von Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit oder individueller Freiheit von Einzelnen) und Pluralität nachteilig sind:

  • Nationalisten, die in freier Presse eine Gefahr für ihr schöngefärbtes Geschichtsverständnis sehen.
  • Fundamentalistisch religiöse Bewegungen, die in der Freiheit des Individuums eine Einschränkung der Kontrollmöglichkeiten über Gläubige sehen.
  • Sonstige radikale Gruppierungen, die es nicht ertragen und akzeptieren, dass andere Menschen nach anderen Regeln leben möchten als sie selbst.

Unsere europäische Kultur (JA, die gibt es!) basiert auf den über Jahrhunderte erkämpften Rechten der/des einzelnen gegenüber der Obrigkeit, auf einer unabhängigen Justiz und auf freier Meinungsäußerung. Ihr Ursprung liegt in der britischen Magna Charta, den Grundsätzen der amerikanischen Unabhängigkeit (erkämpft von europäischen Auswanderern), den Werten der französischen…

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Flucht in die Fiktion

Hannah Arendt

Mit Hannah Arendt ein Interview zu führen, und sei es eines auf Grundlage ihres Buches „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“, ist heute so zeitgemäß wie es dies vor 65 oder mehr Jahren gewesen wäre.
Das Magazin für politische Kultur CICERO hat ein solches Interview in einem Beitrag am 25. Februar 2017 [*] geführt.

Wir zitieren aus diesem Interview:

[…] (CICERO): Das bindende Element der Masse ist also der Hass auf die Eliten?

(Hannah Arendt): Vom Mob hat die totalitäre Propaganda gelernt, dass sie in das Zentrum der Agitation immer das stellen muss, was die öffentliche Meinung und die Propaganda der Parteien jeweils mit Schweigen übergehen. Denn im Unterschied zu der erst später entwickelten totalen Massenherrschaft, die an Existenz von Wahrheit überhaupt nicht glaubt, glaubt der Mob in aufrichtiger Beschränktheit, dass wahr sei, was immer die Heuchelei der guten Gesellschaft oder der offiziellen Kundgebungen der Regierungen verleugnen oder mit Korruption zudecken. […]

Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft
von Hannah Arendt
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Das vollständige Interview bietet weit mehr als der kurze Ausschnitt, den wir als Zitat verwendet haben:
[*] Die Massen flüchten in die Fiktion“, CICERO vom 25. Februar 2017

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